Irgendwann sitzt du vor so einem Rechner. Vielleicht abends, vielleicht am Wochenende, als du dir endlich einmal eine Stunde für die Sache genommen hast. Du gibst dein Vermögen ein, deine monatliche Entnahme, eine Renditeannahme, bei der du dich fragst, ob sie nicht zu optimistisch ist. Und dann kommt ein Feld, bei dem du kurz zögerst: Bis zu welchem Alter soll das Geld reichen? Du tippst irgendetwas zwischen achtzig und fünfundneunzig. Das Feld nimmt die Zahl ohne Rückfrage, der Balken springt, und du hast ein Ergebnis.
Das ist keine Nachlässigkeit deinerseits, das ist die Standardpraxis. Wer heute in Deutschland danach sucht, wie lange sein Geld reicht, bekommt auf der gesamten ersten Suchergebnisseite ausschließlich Rechner – Vergleichsportale, Verbrauchermedien, Vermögensverwalter. Und die Fragen, die Google unter dem Suchfeld anbietet, drehen sich ausnahmslos um Beträge: Wie lange reichen 100.000 Euro im Ruhestand, wie lange 200.000, wie viel sollte man mit siebzig gespart haben. Nach der Zahl, die du in das erste Feld getippt hast, fragt niemand. Sie gilt als gesetzt, dabei ist sie die einzige Eingabe, über die du nichts weißt.
Immerhin lässt sie sich nachschlagen. Das Statistische Bundesamt weist für einen Mann, der heute fünfundsechzig wird, eine fernere Lebenserwartung von achtzehn Jahren aus, für eine Frau von einundzwanzig. Das führt auf dreiundachtzig beziehungsweise sechsundachtzig. Damit hättest du die erste Zahl, und die meisten Menschen hören an dieser Stelle auf zu suchen.
Es gibt aber eine zweite. Das Robert Koch-Institut erhebt nicht nur, wie lange Menschen leben, sondern wie lange sie dabei gesund bleiben. Wer 2023 das fünfundsechzigste Lebensjahr erreicht hatte, konnte statistisch mit 9,0 weiteren Jahren in guter Gesundheit rechnen, sofern er ein Mann ist, und mit 10,2, sofern sie eine Frau ist. Neun von achtzehn. Zehn von einundzwanzig. Die Hälfte der Zeit, die dein Geld tragen muss, verbringst du im Durchschnitt nicht in dem Zustand, in dem du sie dir vorstellst, während du den Rechner ausfüllst.
Dieses knappe Jahrzehnt ist selten dramatisch. Es ist nicht die eine Diagnose, die alles verändert. Es ist der Rücken, der die zweite Etage zu einem Thema macht, der Abend, an dem du abwägst, ob du die Strecke noch selbst fährst, die Woche, die eine Erkältung nun braucht statt drei Tagen. Es ist Einschränkung, nicht Krankheit – und genau deshalb taucht es in keiner Planung auf. Für Krankheit gibt es Versicherungen. Für Einschränkung gibt es nur dich.
Man könnte nun hoffen, dass dieser Abstand mit der Zeit kleiner wird, dass der medizinische Fortschritt die gewonnenen Jahre gesund macht. Die Daten der letzten Jahre geben das nicht her. Die gesunden Lebensjahre ab Geburt sind in Deutschland zwischen 2019 und 2023 gesunken, bei Frauen um rund zwei, bei Männern um gut drei Jahre. Und im August dieses Jahres hat ein Team um Juliane Tetzlaff an der Medizinischen Hochschule Hannover ein Ergebnis vorgelegt, das die Hochschule selbst als überraschend bezeichnet: Gerade bei den 18- bis 44-Jährigen nimmt die Zahl der Jahre in guter Gesundheit ab, während Muskel-Skelett-Erkrankungen zunehmen. Im höheren Erwerbsalter zeigt dieselbe Studie eine gegenläufige Entwicklung, und bei schweren Erkrankungen wie Krebs und koronarer Herzkrankheit geht der Trend in die andere Richtung. Das Bild ist also nicht einheitlich – aber es ist eben auch nicht die gleichmäßige Verbesserung, die man gerne unterstellt.
Genau diese Unterstellung liegt der Rentenpolitik zugrunde. Die Alterssicherungskommission der Bundesregierung hat im Juni empfohlen, das Rentenalter im Verhältnis zwei zu eins an die Lebenserwartung zu koppeln: Von jedem gewonnenen Lebensjahr gehen acht Monate an die Erwerbsphase und vier an den Ruhestand. Die Formel behandelt gewonnene Jahre und arbeitsfähige Jahre als dieselbe Größe. Die Daten aus Hannover zeigen, dass beide Größen sich auseinanderentwickeln können, und zwar unterschiedlich je nach Alter, Bildungsabschluss und beruflicher Belastung. Eine Formel, die das über eine ganze Bevölkerung mittelt, geht an sehr vielen einzelnen Biografien vorbei.
Auf der Geldseite kommt hinzu, dass der Abstand zwischen den beiden Zahlen nach meiner Einschätzung nicht die günstige Phase am Ende beschreibt, sondern die aufwendigste. Alles, was du in gesunden Jahren selbst erledigst, fahren, tragen, kochen, in Ordnung halten, wird in diesen Jahren zu einer Rechnung. Wie schlecht wir darauf vorbereitet sind, hat Fidelity International gemeinsam mit dem britischen National Innovation Centre for Ageing bei über 11.800 Menschen in dreizehn Ländern erhoben: 54 Prozent der Deutschen ab fünfzig setzen ihre finanzielle Planung um mindestens ein Jahrzehnt zu kurz an, gegenüber 42 Prozent weltweit. Legt man eine mögliche Lebensspanne von hundert Jahren zugrunde, sind es 87 Prozent. Mein Punkt ist dabei ein anderer als der naheliegende: Der eigentliche Fehler ist nicht, dass die Zahl im Feld zu klein war. Er ist, dass es nur eine Zahl gab.
Was daraus folgt, ist unspektakulär und ziemlich unbequem zugleich. Deine Lebenserwartung kannst du nicht beeinflussen, du kannst sie nur großzügiger ansetzen, als es dir angenehm ist. Die Zahl deiner gesunden Jahre dagegen ist die einzige der beiden, an der sich tatsächlich etwas ändern lässt – und zwar nicht mit sechzig, sondern in dem Jahrzehnt, in dem du dich für zu jung dafür hältst. Was du heute in Muskulatur, Stoffwechsel und Schlaf investierst, ist deshalb keine Gesundheitsausgabe, sondern die einzige Position in deinem Plan, die auf beide Zahlen gleichzeitig wirkt. Auf der Kapitalseite folgt daraus die Konsequenz, die wir beim LONGVESTI-Modell zum Ausgangspunkt gemacht haben: Ein Vermögen, das ein solches Jahrzehnt mittragen muss, darf in den ersten Ruhestandsjahren nicht hart auf Sicherheit umschichten.
Die meisten Menschen, die ich in dieser Altersgruppe kenne, haben ihre Zahlen im Griff. Sie wissen, was das Depot macht, was die Immobilie wert ist, was monatlich hereinkommt. Was ihnen fehlt, ist weder Disziplin noch Vermögen. Es ist die zweite Zahl – die, nach der kein Rechner fragt, weil kein Rechner sie kennt. Sie steht in keinem Formular, und sie entscheidet doch darüber, wie sich die Jahre anfühlen werden, für die alles andere so sorgfältig gerechnet wurde.
Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis), Periodensterbetafel, fernere Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren · Robert Koch-Institut, gesunde Lebensjahre in Deutschland, Datenstand 2023 · Medizinische Hochschule Hannover, Studie um Dr. Juliane Tetzlaff zur gesunden Lebenserwartung im Erwerbsalter, veröffentlicht am 4. August 2026, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft; Auswertung von Befragungsdaten sowie von Abrechnungsdaten der AOK Niedersachsen mit über 3 Millionen Versicherten, 2005–2018 · Fidelity International in Kooperation mit dem National Innovation Centre for Ageing, „The Longevity Revolution: Preparing for a New Reality", über 11.800 Befragte ab 50 Jahren in 13 Ländern · Alterssicherungskommission der Bundesregierung, Abschlussbericht vom 23. Juni 2026 · DataForSEO, SERP- und Suchvolumendaten Google Deutschland, erhoben am 1. September 2026 · LONGVESTI-Modell, Konzeptdarstellung „Das LONGVESTI-Modell – warum wir anders rechnen"
Häufige Fragen
Wie viele gesunde Jahre hat man mit 65 statistisch noch vor sich?
Das Robert Koch-Institut weist für 2023 bei Personen, die das fünfundsechzigste Lebensjahr erreicht haben, 9,0 weitere Jahre in guter Gesundheit für Männer und 10,2 für Frauen aus. Die fernere Lebenserwartung liegt nach der Periodensterbetafel des Statistischen Bundesamts bei achtzehn beziehungsweise einundzwanzig Jahren. Rund die Hälfte der Zeit, die ein Vermögen tragen muss, verläuft damit im Durchschnitt außerhalb guter Gesundheit.
Bis zu welchem Alter muss das Geld im Ruhestand reichen?
Die Periodensterbetafel des Statistischen Bundesamts führt für einen heute Fünfundsechzigjährigen auf dreiundachtzig Jahre, für eine Fünfundsechzigjährige auf sechsundachtzig. Eine Erhebung von Fidelity International mit dem National Innovation Centre for Ageing unter mehr als 11.800 Befragten zeigt, dass 54 Prozent der Deutschen ab fünfzig ihre finanzielle Planung um mindestens ein Jahrzehnt zu kurz ansetzen, weltweit sind es 42 Prozent. Der eigentliche Fehler liegt weniger in der Höhe dieser Zahl als darin, dass die üblichen Rechner nur eine einzige kennen.
Steigen die gesunden Lebensjahre in Deutschland?
Nein. Die gesunden Lebensjahre ab Geburt sind zwischen 2019 und 2023 gesunken, bei Frauen um rund zwei, bei Männern um gut drei Jahre. Eine Studie um Juliane Tetzlaff an der Medizinischen Hochschule Hannover zeigt zudem bei den 18- bis 44-Jährigen einen Rückgang gesunder Jahre bei zunehmenden Muskel-Skelett-Erkrankungen, während der Trend im höheren Erwerbsalter sowie bei Krebs und koronarer Herzkrankheit gegenläufig verläuft. Die gleichmäßige Verbesserung, die eine Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung unterstellt, gibt die Datenlage nicht her.