Um drei Uhr nachts liegt man wach und rechnet. Der Termin um neun, die Rückfrage der Bank, die Mitarbeiterin, die gekündigt hat. Um sieben klingelt der Wecker, um halb acht sitzt man am Tisch, als sei nichts gewesen. Am Ende der Woche steht der Check-up an, und der Arzt sagt, alle Werte seien in Ordnung. Das stimmt vermutlich sogar.

Was man bisher tut, ist gut

Wer so lebt, kümmert sich bereits. Check-up, Blutbild, vielleicht ein Tracker am Handgelenk, der den Schlaf in Phasen zerlegt und morgens eine Note vergibt. All das bleibt sinnvoll. Es ist ein ordentliches Instrumentarium, und wer es nutzt, nimmt seine Gesundheit ernster als die meisten.

Ein Spiegelbild, keine Erklärung

Der Tracker liefert eine Note, das Blutbild liefert Zahlen. Beide zeigen, wie etwas gerade aussieht. Warum man seit Monaten schlechter erholt aufwacht, erklären sie nicht. Wer nur Messwerte beobachtet, kann ein schleichendes Nachlassen nicht zuordnen und schreibt es am Ende dem Alter zu. Dahinter liegt ein weites Feld, auf dem man selbst etwas bewirken kann: die Selbstregulation des Körpers. Der Schlaf ist ihr wichtigster Arbeitsplatz.

Was nachts in der Zelle geschieht

Tagsüber leistet der Körper, und das Aufräumen und Instandsetzen verlegt er auf die Nacht. Am Gehirn lässt sich das messen. Ein Team um Shokri-Kojori untersuchte 20 Probanden zweimal mit der Positronen-Emissions-Tomographie, einmal nach einer Nacht mit ausreichend Schlaf und einmal nach einer durchwachten Nacht. Nach der durchwachten Nacht fand sich im rechten Hippocampus, der für das Gedächtnis zuständig ist, und im Thalamus mehr Beta-Amyloid, ein Eiweiß, das bei der Alzheimer-Krankheit eine Rolle spielt (PNAS, April 2018). Eine einzelne Nacht beweist keine Krankheit. Sie zeigt aber, wie schnell sich der Ausfall der nächtlichen Arbeit in der Messung niederschlägt.

Auch die Abwehr arbeitet nachts mit. Ein Team um Dimitrov verglich, wie gut bestimmte T-Zellen des Menschen an ihren Zielzellen haften, denn nur eine haftende Abwehrzelle kann angreifen. Schlaf förderte diese Haftung im Vergleich zu einer Nacht im Wachzustand, Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin hemmten sie dosisabhängig (Journal of Experimental Medicine, März 2019). Ein Teil dessen, was man Abwehrkraft nennt, hängt demnach an der Nacht und am Stresspegel, der sie begleitet.

Der Rückzug, den kein Befund erklärt

Die Beschwerden, die Menschen in der zweiten Lebenshälfte tatsächlich beschäftigen, tauchen in keinem dieser Werte auf. Der Schlaf, der nicht mehr erholt. Das Nachmittagstief, das es früher nicht gab. Die Einladung, die man absagt, weil der Abend sonst zu lang würde. Der Spaziergang mit den Enkeln, bei dem man sich fragt, ob die Kraft reicht. Und an manchem Abend der leise Gedanke, dass es so toll gar nicht aussieht, wie man sich nach außen verkauft.

Solche Beschwerden bauen sich langsam auf, aus vielen kleinen Lasten, von denen keine für sich ein Problem ist. Zu kurzer Schlaf ist eine davon, Dauerspannung eine andere, ein unruhiger Rhythmus und zu wenig Tageslicht kommen hinzu. Der Körper gleicht das lange aus, dann irgendwann nicht mehr. In den Zellen sitzen die Mitochondrien, die unsere Energie herstellen. Sie arbeiten mit dem, was der Alltag ihnen lässt.

Ehrlich zu sich selbst

Dazu gehört etwas, das sich leicht überlesen lässt: ehrlich gegenüber sich selbst zu werden. Wer für Betrieb, Familie und alles Übrige Verantwortung trägt, stellt sich selbst häufig ans Ende der Liste und sagt sich, es werde schon gehen. Sich wieder ernst und wichtig zu nehmen, hat mit Gefühlsduselei nichts zu tun. Es ist eine nüchterne Bestandsaufnahme: Wie geht es mir wirklich, und was bin ich mir wert?

Das Stichwort heißt Eigenverantwortung. Die Gesundheit an andere abzugeben, war lange der Normalfall. Heute gibt es die Möglichkeiten, sie selbst zu gestalten und dabei begleitet zu werden, so wie man es im Beruf mit allem tut, was einem wichtig ist. Man kann die Gesundheit zum eigenen Hobby machen und sich für sie interessieren wie für ein Unternehmen, das man aufgebaut hat.

Ich bin 67 und habe vierzig Jahre in den Kapitalmärkten gearbeitet. Prävention und Zellgesundheit waren über Jahrzehnte mein zweites Spezialgebiet. Ich habe im Laufe meines Lebens auch schon ziemlich einschneidende Veränderungen erleben müssen und bin dankbar, dass mein Körper heute noch funktioniert. Diesen Weg habe ich für mich gesucht und gefunden. Stillstand wäre das Gegenteil davon, deshalb entwickle ich ihn weiter, gern gemeinsam mit anderen, die an sich selbst interessiert sind.

Check-up, Blutbild und Tracker bleiben ein gutes Recht, sie sind eine sinnvolle Ergänzung. Nur sollte niemand glauben, damit sei die Sache erledigt. Eine Kennzahl ist ein Instrument, mehr will sie nicht sein.

Um drei Uhr nachts wird man weiterrechnen, auch künftig. Nur steht dann eine Stelle in der Rechnung, die vorher fehlte. Der Wecker um sieben fragt nicht, wie die Nacht war. Die Zellen wissen es.

Quellen: Shokri-Kojori E et al.: beta-Amyloid accumulation in the human brain after one night of sleep deprivation. PNAS 115(17):4483-4488, 9. April 2018. DOI 10.1073/pnas.1721694115 (PMID 29632177). · Dimitrov S et al.: G alpha s-coupled receptor signaling and sleep regulate integrin activation of human antigen-specific T cells. Journal of Experimental Medicine 216(3):517-526, 4. März 2019. DOI 10.1084/jem.20181169 (PMID 30755455). Beide Arbeiten am 12.10.2026 an der Quelle geprüft (PubMed, Europe PMC).