Im Badezimmerschrank stehen bei den meisten Menschen über sechzig drei oder vier Schachteln nebeneinander. Der Blutdrucksenker, das Statin, vielleicht etwas für die Schilddrüse, dazu das, was der Orthopäde geraten hat. Keine davon ist ein Fehler. Jede einzelne hat ihren Grund, und für die meisten ist sie mehr Nutzen als Schaden.
Was mir daran auffällt, ist etwas anderes: Diese Schachteln kommen jeden Monat nach. Sie sind kein Kauf, sie sind ein Dauerauftrag. Und ein Dauerauftrag hat auf der anderen Seite immer jemanden, der ihn empfängt.
Ich komme darauf, weil ich in den letzten Tagen ein Arbeitspapier über den Gesundheitsmarkt gelesen habe, und darin stand eine Zahl, die ich seither nicht loswerde.
Im Dezember 2023 ist in den USA ein Mittel namens Casgevy zugelassen worden. Es behandelt die Sichelzellkrankheit nicht – es korrigiert den Fehler im Erbgut, einmal, mit dem Ziel der Heilung. Die erste zugelassene Anwendung der Genschere CRISPR am Menschen, für die es 2020 den Chemie-Nobelpreis gab. Im gesamten Jahr 2025 hat dieses Mittel rund 116 Millionen Dollar umgesetzt. Behandelt wurden etwa siebzig Patienten. Der Preis pro Behandlung: 2,2 Millionen Dollar.
Zum Vergleich eine Zelltherapie von ähnlicher technischer Komplexität, Carvykti, gegen ein Knochenmarkkrebsleiden: 1,9 Milliarden Dollar im selben Jahr. Das Sechzehnfache. Der Unterschied liegt nicht in der Wissenschaft und nicht in der Logistik. Er liegt darin, dass in der Onkologie weiterbehandelt wird.
Und die Abnehmspritzen, über die gerade alle reden: Eli Lilly kam 2025 mit dieser einen Wirkstoffklasse auf 36,5 Milliarden Dollar und wurde im November des Vorjahres das erste Gesundheitsunternehmen der Geschichte mit einer Billion Dollar Börsenwert. Du nimmst sie dauerhaft. Setzt du sie ab, kommt das Gewicht zurück.
Drei Zahlen, ein Jahr, dieselbe Branche. Die medizinische Rangfolge wäre die umgekehrte.
Der Dauerauftrag, von der anderen Seite gesehen
Jetzt dreh das um und schau aus meiner alten Perspektive darauf, der eines Menschen, der vierzig Jahre lang Depots betreut hat.
Wiederkehrende Erlöse sind das Wertvollste, was ein Unternehmen haben kann. Nicht das Größte, nicht das Spektakulärste – das Wertvollste. Ein Anleger zahlt für einen Euro, der jedes Jahr verlässlich wiederkommt, ein Vielfaches dessen, was er für einen Euro zahlt, der einmal anfällt. Das ist kein Trick und keine Marktlaune. Das ist der Kern jeder Unternehmensbewertung.
Genau deshalb steht dein Badezimmerschrank auf der einen Seite einer Rechnung, deren andere Seite du nie zu sehen bekommst. Was für dich eine monatliche Belastung ist, ist dort ein bewerteter Zahlungsstrom.
Und das erklärt etwas, das sonst schwer zu erklären ist. Ein neu zugelassenes Medikament kostet die großen Häuser im Schnitt 2,23 Milliarden Dollar an Forschung. Etwa jedes zehnte Programm, das in die klinische Prüfung geht, kommt durch. Die Rendite auf dieses eingesetzte Forschungskapital lag zuletzt bei 5,9 Prozent – und rechnet man die Abnehmspritzen heraus, bei 3,8.
Diese Zahl solltest du zweimal lesen. Eine einzige Wirkstoffklasse trägt gegenwärtig die Forschungsrendite einer ganzen Branche. Alles andere zusammen liegt unter dem, was ein Unternehmen an Kapitalkosten aufbringen muss.
Daraus folgt kein Vorwurf. Ich halte nichts von der Erzählung, in der Konzerne Heilung unterdrücken – dafür sehe ich keine Belege, und ich brauche sie auch nicht. Es reicht die nüchterne Konstruktion: Wer je Zulassung zwei Milliarden aufwendet und dabei unter vier Prozent landet, kann nicht in Richtungen forschen, die sich nicht zurückzahlen. Er geht dorthin, wo wiederkehrend bezahlt wird. Das ist keine Bosheit, das ist Arithmetik.
Wo das für dich unangenehm wird
Bei der Vorbeugung schließt sich der Kreis, und zwar auf die unbequemste Art.
Prävention ist medizinisch fast immer sinnvoll. Fiskalisch ist sie kein Sparprogramm. Wer Herzinfarkte verhindert, verlängert Leben und verschiebt Ausgaben in spätere Jahre, in denen andere Krankheiten auftreten. Die Gesundheitsökonomie kennt nur wenige vorbeugende Maßnahmen, die sich rein rechnerisch selbst tragen.
Das heißt im Klartext: Wenn du darauf wartest, dass eine Kasse oder ein Konzern die Vorbeugung entdeckt, weil sie Geld spart, wartest du auf etwas, das so nicht eintreten wird. Es gibt kein Unternehmen mit Vertriebsinteresse daran, dass du mit siebzig noch belastbar bist. Es gibt sehr viele mit Interesse daran, dass du etwas dauerhaft einnimmst.
Das ist kein Grund zur Empörung. Es ist ein Grund, den Erhalt der eigenen Substanz selbst in die Hand zu nehmen, statt darauf zu warten, dass ein Markt ihn dir anbietet. Der Markt ist nicht dafür gebaut.
Und weil ich beide Seiten kenne, gehört der zweite Satz dazu: Derselbe Gesundheitsmarkt ist ein guter Ort, um Geld anzulegen, gerade weil dort dauerhaft gezahlt wird. Beide Sätze sind gleichzeitig wahr. Der Fehler wäre, sie zu verwechseln – in beide Richtungen. Das Depot darf von der Zahlungslogik profitieren. Deine eigenen Entscheidungen über Schlaf, Bewegung, Regeneration und das, was auf den Teller kommt, sollten sich nicht von ihr beraten lassen. Der Badezimmerschrank sagt nichts darüber, ob du gut lebst. Er sagt etwas darüber, wofür jemand bezahlt wird.
Quellen: Roland Rupprechter, „Investing in Health: From Curing Illness to the Health Economy“, Working Paper Nr. 29, September 2026, Stand Ende August 2026 · Entwicklungskosten und Forschungsrendite dort nach Deloitte (2024) · Umsatz- und Börsenwertangaben nach den Geschäftsberichten der genannten Unternehmen · Casgevy: Zulassung USA 8. Dezember 2023, Listenpreis rund 2,2 Millionen US-Dollar, Umsatz 2025 rund 116 Millionen US-Dollar · Carvykti: 1,9 Milliarden US-Dollar 2025 · Eli Lilly: Mounjaro und Zepbound zusammen 36,5 Milliarden US-Dollar 2025, Börsenwert über eine Billion US-Dollar seit 21. November 2025
Häufige Fragen
Warum sind heilende Therapien wirtschaftlich kleiner als Dauerbehandlungen?
Eine Therapie, die einmal heilt, erzeugt genau einen Umsatz pro Patient. Die erste zugelassene CRISPR-Therapie Casgevy kostet 2,2 Millionen Dollar pro Behandlung und setzte im gesamten Jahr 2025 rund 116 Millionen Dollar bei etwa siebzig Patienten um. Die technisch vergleichbar aufwendige Zelltherapie Carvykti, die in einer Indikation mit Weiterbehandlung eingesetzt wird, kam im selben Jahr auf 1,9 Milliarden Dollar. Der Unterschied liegt nicht in der Wissenschaft, sondern darin, wie oft bezahlt wird.
Wie hoch ist die Forschungsrendite der Pharmaindustrie?
Nach der jährlichen Auswertung von Deloitte kostet ein neu zugelassenes Medikament die großen Häuser im Schnitt 2,23 Milliarden Dollar an Forschung und Entwicklung, und etwa jedes zehnte Programm, das die klinische Prüfung erreicht, wird zugelassen. Die Rendite auf das eingesetzte Forschungskapital lag zuletzt bei 5,9 Prozent, ohne die neuen Stoffwechselmedikamente bei 3,8 Prozent. Eine einzige Wirkstoffklasse trägt damit gegenwärtig die Forschungsrendite einer ganzen Branche.
Spart Prävention dem Gesundheitssystem Geld?
In der Regel nicht. Prävention ist medizinisch fast immer sinnvoll, aber sie ist kein Sparprogramm: Wer Herzinfarkte verhindert, verlängert Leben und verschiebt Ausgaben in spätere Jahre, in denen andere Krankheiten auftreten. Die Gesundheitsökonomie kennt nur wenige vorbeugende Maßnahmen, die sich rein rechnerisch selbst tragen. Die Zahlungsbereitschaft für Prävention speist sich aus dem Wert gewonnener gesunder Lebensjahre, nicht aus Budgetentlastung.